Maria Bexten

Maria Bexten

Prosa

geboren 1949
seit 1974 wohnhaft in Oelde

schreibt Erzählungen und Kurzgeschichten
Veröffentlichung des Buches „Hinter dem Passpartout“
und weitere Kurzgeschichten

E-Mail an Maria Bexten
www.mariabexten.de

 

Baum im Sommer

Wenn Bäume erzählen können, würde ein alter Baum möglicherweise folgendes erzählen:
„Am liebsten bin ich ein Sommerbaum. Die anstrengende Arbeit des Blättertreibens liegt hinter mir. Während der Sommerwind mein dunkelgrünes Laub streichelt, strecke ich meine verästelten Arme noch mehr aus und dehne mich. Ich genieße die Sonnenstrahlen und den warmen Regen. Ich zittere aber bei Gewittern. Wenn die gleißenden Blitze am Himmel zucken, fürchte ich mich vor Brandwunden. Niemand merkt, wie ich vor Angst schwitze. Niemand merkt, wie sich dabei verstohlen Tränen von Harz aus meiner Rinde drängen. Den Tieren, die sich auf der Wiese neben mir weiden, kann ich wohltuenden Schatten spenden. Oft kommen Kinder zu mir. Sie hängen sich an meine biegsamen, jungen Zweige und schaukeln daran. Für verliebte Menschen, die bei mir hocken, rausche ich besonders zärtlich. Immer wieder gibt es Leute; die mir mit Messern Buchstaben und Herzchen in meine harte Haut ritzen. Es tut mir weh. Dabei glauben sie, mich damit zu ihrem Vertrauten zu machen. Auch dann weine ich Harz. Ich fürchte mich ein wenig vor dem Herbst. Meine Blätter färben sich und verlassen mich kurz darauf. Und doch ist es beinahe so, als würde ich damit auch eine kleine Last abwerfen. Dann können sich meine Äste und Zweige wieder erheben. Regen und Wind werden mich säubern. Doch jetzt bin ich ein Baum im Sommer. Meine saftigen Blätter rauschen leicht mit dem Klang des Juliwindes. Ich weiß, dass dieses meine Zeit ist.

Die Geldtasche

„Warum willst du ausgerechnet wieder einen Lehrling einstellen? Und dann auch noch einen Ausländer, einen Türken zum Beispiel, oder was auch immer?“ Gereizt sah Martin Wolff seine Frau an. „Schultes Werkstatt wird geschlossen. Schlaganfall. Sein Azubi Achmed hat seine Ausbildung noch nicht fertig. Er steht auf der Straße. Beste Voraussetzung für einen Jungen, auf die schiefe Bahn zu kommen“.„Und du musst wieder die Welt retten und die Probleme anderer lösen!“„Nein, aber wenigstens seine Ausbildung. In meiner Autowerkstatt.“(…) Der 18 jährige Achmed enttäuschte ihn nicht. Er war sehr motiviert und machte den Eindruck, absolut zuverlässig zu sein. Wolff beugte sich zu Achmed unter einen Wagen: „Ich habe heute keine Zeit, die Tageseinnahmen zur Sparkasse zu bringen. Aber ich muss jetzt zu einem Kunden. Es ist dringend.“ Achmed rollte unter dem Auto hervor und richtete sich halb auf. „Ich könnte es ja zur Bank bringen, wenn Sie mir vertrauen. Ehrensache“, Achmed legte eine Hand auf sein Herz., „Verlassen Sie sich auf mich.“ Seit dem Morgen hatte er nichts mehr gegessen. Er legte die Geldtasche in eine unauffällige Einkaufstüte und schloss die Werkstatt ab. Auf dem halben Weg zur Bank gab es einen Dönerimbiss. Wäre es im Grund nicht egal, ob er erst etwas essen würde und anschließend zur Sparkasse zu gehen? Er ließ für einen Moment die Tüte aus den Augen, als er den Dönerkebab entgegennahm. Einige Fleischstücke, Zwiebeln und Salatblätter rutschten heraus. Mit der anderen Hand schaffte er es noch, die Dönertasche zu greifen und zusammen zu drücken. Hungrig biss er in die Teigtasche. Es lohnte sich immer wieder, hierher zu fahren. Im gleichen Moment durchfuhr ihn ein siedend heißer Schrecken. Die Tüte! Die Tüte mit dem Geld! Die Tragetasche lag neben ihm, doch sie war leer. Er sah panisch nach rechts, nach links und hinter sich. Oder hatte er die Tasche beim Bezahlen auf die obere Theke gelegt? – Wind war aufgekommen, und es begann zu regnen. Achmed sah den grauen Mülleimer hinter sich. Er riss den blauen Beutel heraus und kippte den Inhalt auf den Boden. Der Geldbeutel war nicht zu finden. Wie sollte er nun seinem Chef erklären, was passiert war? Man brauchte nur Türke zu sein, um sofort verdächtigt zu werden. (…)